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Brigitt Bürgi, Crosses

Ausstellung Photobastei Zürich, 2.-19. Februar 2017

Symbol und konkrete Form in einem: Das Kreuz eröffnet ein nahezu unendliches Bedeutungsgeflecht. Das Kreuz als Konstellation von zwei sich kreuzenden Linien repräsentiert universale Prinzipien und stellt zugleich in verkürzter Weise den menschlichen Körper dar. In ihrer neuen Werkserie verbindet und ergründet Brigitt Bürgi die spiritu­elle und die körperliche Dimension dieses Zeichens.

Nicht erst im Zuge der Abstraktionstendenzen der modernen Kunst wurde der Form von zwei sich kreuzenden Linien eine besondere Bedeutung zugeschrieben. Das Kreuz hat sich bereits im bildnerischen Ausdruck der frühesten menschlichen Zivilisationen im Paläolithikum als einen Art Ur-Zeichen herausgebildet. Nach der Interpretation der Prähistorienforscherin Marie E.P. König folgten auf den Kreis als Symbol für das Ganze in einem nächsten Abstraktionsschritt die Begriffszeichen der geraden Linie und des Kreuzes, um die Welt sowie - im Schnittpunkt der beiden Linien - den eigenen Standpunkt in der Welt zu bezeichnen. Erst die Etablierung des Kreuzes als Symbol für das Christentum hat seine universale, allumfas­sende Bedeutung als Weltsymbol und Lebenszeichen in der allgemeinen Wahrnehmung beschnitten und auf ein Todeszeichen reduziert - auch wenn das Kreuz in der theologischen Interpretation eigentlich immer noch den ganzheitlichen Aspekt der Verbindung des Irdischen und des Himmlischen, von Materie und Geist, von Leib und Seele symbolisiert.

In seinem Bedeutungswandel legt das Kreuz Schichten unseres Zivilisa­tionsprozesses offen. Brigitt Bürgi interessiert sich dabei vor allem für die grundsätzlichen Aspekte jenseits ideologischer Vereinnahmungen. Sie will das Kreuz auf seine Kraft hin untersuchen, lebendig erhalten, erneuern. Die vielen Bedeutungsfelder lotet sie aus, nicht theoretisch und distanziert, sondern aus ihrer eigenen Erfahrung und mit künstlerischen Mit­teln, die ihrerseits Prozesse der Schichtung, der Überlagerung und des Aufdeckens umfassen.

Ausgangspunkt für das mehrmonatige Projekt "Crosses" war die einfache malerische Geste der vertikalen Linie, die eine horizontale Linie kreuzt. Im Grunde genommen eine physische Aktion, die sich im Kreuz mit der nach unten verlängerten Vertikale - dem Bild für den menschli­chen Körper mit ausgestreckten Armen - wiederfand.

In der dreiteiligen Arbeit "Selbstportrait mit Kreuz" vereinen sich die Lebenserfahrung einer Frau mit ihren Vorstellungen vom Kreuz als Lebenszeichen. So fasst Brigitt Bürgi ihre eigene körperliche Wahrneh­mung im Hier und Jetzt und ihre Rolle als Künstlerin im Bild des roten Kreuzes der realen Selbstdurchsetzung, des gelben Kreuzes für die spiri­tuelle Erfahrung und des schwarzen Kreuzes als Repräsentant für die Auseinandersetzung mit historischen Kreuzkonzepten.

Die Werkgruppe "Kreuze im Mond" konfrontiert die zum statischen Kon­zept erstarrte christliche Kreuzvorstellung mit dem zyklischen Prinzip des Mondes. Die Mondkreuze evozieren matriarchale Symbole und streichen die Bedeutung des Kreuzes als Lebenszeichens hervor.